Neue Wartezeiten-Studie: Kassenpatienten warten bis zu 13-mal länger auf Facharzttermin (vs. Privat)
Zuletzt aktualisiert: 20.01.2026
Autor: Sebastian Arthofer, MSc
Inhaltsverzeichnis
Warum wir diese Studie machen
Im September 2025 zeigte unsere Analyse der Kassenarzt-Wartezeiten ein alarmierendes Bild: In vielen Fachbereichen gehören Wartezeiten von über einem Monat zur „neuen Normalität“.
Das Gefühl täuscht oft.
Um Fakten zu schaffen, haben wir uns entschieden, das exakt gleiche Experiment für den privaten Sektor, also bei Wahlärzten zu wiederholen.
Wir wollten wissen: Wie groß ist der Zeitvorteil einer privaten Krankenversicherung bzw. Zusatzversicherung im Jahr 2026 wirklich?
Ist es nur ein kleiner Komfort-Gewinn oder sprechen wir von einer Zwei-Klassen-Medizin?
Hier finden Sie das Ergebnis unser großen Wahlarzt-Wartezeiten-Studie 2026.
Methodik & Datenbasis
Die aktuelle Wahlarzt-Analyse basiert auf 1.591 durchgeführten Mystery-Anfragen mit konkreten Terminrückmeldungen bei Ärzt:innen in ganz Österreich.
- Zeitraum: Erhoben wurden die Daten zwischen dem 25. November 2025 und 16. Jänner 2026. Urlaubsbedingte Schließungen (z.B. Weihnachtsferien) wurden bereinigt, um die reale Verfügbarkeit abzubilden.
- Repräsentativität: Die Auswahl der Ärzt:innen erfolgte gewichtet nach der Bevölkerungszahl der Bundesländer. Die Stichprobengröße wurde über alle 14 Fachrichtungen hinweg konstant gehalten.
- Szenario: Angefragt wurde stets der nächstmögliche Routine-Termin (keine Akutfälle). Als standardisierte Fallbeispiele dienten Alltagsszenarien wie eine Sehstärkenkontrolle (Augenarzt), Knieschmerzen beim Sport (Orthopädie) oder Muttermalkontrollen (Hautarzt).
Kernergebnisse für Österreich: Wahlarzt versus Kassenarzt, Wartezeiten im Detail
Das Ergebnis der Analyse bestätigt die subjektive Wahrnehmung vieler Patienten nun mit harten Zahlen: Die Diskrepanz zwischen den Systemen ist massiv. Während Patienten im Kassenbereich oft mit Monatsfristen konfrontiert sind, liegt die Wartezeit beim Wahlarzt systemweit im Median bei nur rund einer Woche.
Über alle 14 Fachrichtungen hinweg erhalten Patienten ihren Termin damit privat rund 5-mal schneller als im öffentlichen Bereich. In keinem einzigen Fach liegt der ermittelte Median im privaten Sektor über 14 Tagen.
Besonders signifikant ist die Zeitersparnis bei akut relevanten Fächern:
- Orthopädie: 24 Tage (Kasse) vs. 2 Tage (Privat)
- Radiologie: 14 Tage (Kasse) vs. 3 Tage (Privat)
Die Grafik oben verdeutlicht, dass die Kluft in diesen Spitzenfällen sogar noch dramatischer ist: Hier geht es privat bis zu 13-mal schneller.
Regionale Unterschiede im Fokus
Während die österreichweite Betrachtung bereits zeigt, dass der private Sektor systemweit etwa 5-mal schneller ist, lohnt ein genauer Blick auf die großen Versorgungsregionen.
Für die Detailanalyse der Wahlarzt-Daten haben wir uns auf die drei bevölkerungsreichsten Bundesländer konzentriert, für die uns die dichteste Datenlage vorliegt:
- Wien: 353 analysierte Datenpunkte
- Niederösterreich: 297 analysierte Datenpunkte
- Oberösterreich: 261 analysierte Datenpunkte
Warum nur diese drei Bundesländer?
In diesen Regionen konnten wir auf eine ausreichend große Fallzahl zurückgreifen, die statistisch hochbelastbare Aussagen erlaubt. Zudem repräsentieren diese drei Bundesländer rund 60% der Bevölkerung in Österreich.
In kleineren Bundesländern wie Vorarlberg, Kärnten oder dem Burgenland ist die Stichprobe naturgemäß kleiner. Um die Validität zu wahren und Verzerrungen durch einzelne Extremwerte zu vermeiden, beschränken wir die vertiefte Text-Analyse daher auf diese drei Bundesländer mit der solidesten Datenbasis.
Wien-Analyse: Extreme Wartezeiten bei Herz & Frauenheilkunde
In der Bundeshauptstadt zeigt sich die Zwei-Klassen-Medizin so deutlich wie nirgendwo sonst. Besonders in zwei medizinischen Kernbereichen, in denen schnelle Gewissheit und regelmäßige Vorsorge entscheidend sind, klafft die Schere extrem weit auseinander:
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Kardiologie (Herzspezialist):
Wer Sorgen um sein Herz hat, benötigt sofortige Abklärung. Doch im Kassenbereich müssen Wiener Patienten im Median 49 Tage (7 Wochen) warten. Im privaten Sektor liegt der Termin fast immer innerhalb von 2 Tagen. Das ist eine Beschleunigung um den Faktor 25. -
Gynäkologie (Frauenarzt):
Auch bei der Frauenheilkunde – einem Bereich, der von regelmäßigen Kontrollen lebt – ist die Situation prekär. Kassenpatientinnen warten im Schnitt 45 Tage (1,5 Monate) auf einen Termin. Privat ist die Ordination im Median bereits nach 3 Tagen zugänglich.
Die Daten zeigen: Gerade in Wien erkauft man sich mit der privaten Absicherung nicht nur Komfort, sondern in potenziell kritischen Fachbereichen vor allem den Faktor Zeit. Während man im öffentlichen System noch Wochen auf die erste Diagnose wartet, ist die Behandlung im privaten Sektor oft schon abgeschlossen.
Niederösterreich: Wo das private System exzellent funktioniert
Der direkte Vergleich der Systeme zeigt eines deutlich: Während der öffentliche Sektor in Niederösterreich mit langen Wartezeiten kämpft, erweist sich der Wahlarzt-Sektor als hoch effizienter Versorgungspartner. Gerade in stark nachgefragten Disziplinen funktioniert der Zugang privat reibungslos:
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Augenheilkunde (Der Performance-Sieger):
Hier zeigt sich der Qualitätsunterschied am drastischsten. Während man im Kassensystem im Median 30 Tage auf einen Sehtest oder eine Kontrolle wartet, ist der Wahlarzt faktisch sofort verfügbar (Median 0 Tage). Das private System fängt diesen Bedarf ohne jede Verzögerung auf. -
Orthopädie (Schnelle Schmerzlinderung):
Wer Gelenk- oder Rückenschmerzen hat, braucht schnelle Hilfe. Das öffentliche System lässt Patienten hier oft über 3 Wochen (24 Tage) warten. Privatpatienten erhalten ihre Diagnose und Therapieplanung im Schnitt bereits nach 2 Tagen. Das System "Wahlarzt" reagiert hier also 12-mal schneller. -
Psychische Gesundheit:
Auch in der Psychiatrie beweist der private Sektor seine Stärke als verlässlicher Anker. Statt einer zermürbenden Wartezeit von 2 Monaten (60 Tage) auf Kasse, erhalten Betroffene privat meist innerhalb von 3 Tagen (72 Stunden) professionelle Unterstützung.
Das Fazit für Niederösterreich: Die Daten belegen, dass der private Sektor hier nicht nur eine "Alternative" ist, sondern in puncto Zugriffsgeschwindigkeit und Verfügbarkeit in einer völlig eigenen Liga spielt. Wer privat versichert ist, umgeht den Engpass effektiv.
Oberösterreich: Wo die Schere am weitesten klafft
In keinem anderen Bundesland ist der Zeitgewinn durch einen Wahlarzt in absoluten Tagen so groß wie in Oberösterreich. Betrachtet man die Differenz zwischen den Systemen, sparen sich Patienten in den Spitzenreiter-Disziplinen monatelanges Warten:
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Platz 1: Psychiatrie (100 Tage Zeitgewinn)
Der Unterschied ist hier massiv: Während Kassenpatienten im Median 112 Tage (fast 4 Monate) auf einen Termin warten, erhalten Privatpatienten bereits nach 12 Tagen Hilfe. Das ist eine direkte Ersparnis von 100 Tagen Leidenszeit. -
Platz 2: Innere Medizin (57 Tage Zeitgewinn)
Auch bei internistischen Fragestellungen ist die Kluft riesig. Einer Wartezeit von zweieinhalb Monaten (74 Tage) im öffentlichen System steht eine schnelle Abklärung binnen 17 Tagen im privaten Sektor gegenüber. -
Platz 3: Orthopädie (55 Tage Zeitgewinn)
Wer Schmerzen am Bewegungsapparat hat, kommt privat fast zwei Monate früher dran. Statt 61 Tagen (Kasse) liegt der Median beim Wahlarzt bei nur 6 Tagen – eine Beschleunigung um den Faktor 10.
Die Daten verdeutlichen: In Oberösterreich ist die private Krankenversicherung der effektivste Hebel, um Wartezeiten von "Monaten" auf "Tage" zu verkürzen.
Analyse: Warum geht es privat so viel schneller?
Die Daten zeigen eine massive Diskrepanz zwischen den Systemen. Doch diese Geschwindigkeitsvorteile sind kein Zufall, sondern die logische Folge dreier struktureller Faktoren, die den Wahlarzt-Sektor aktuell prägen.
Attraktivität & Angebot
Das Angebot bestimmt die Verfügbarkeit. Immer mehr Mediziner entscheiden sich bewusst gegen einen Kassenvertrag und für eine Wahlarztordination. Dieses wachsende Angebot an privaten Ordinationen erhöht die Termindichte und sorgt dafür, dass Patienten aus einem größeren Pool an verfügbaren Slots wählen können.
Die Mathematik der Frequenz
Ein Kassenarzt muss oft hohe Fallzahlen bewältigen, um wirtschaftlich zu arbeiten – das führt zu vollen Kalendern ohne Lücken. Ein Wahlarzt betreut in der Regel deutlich weniger Patienten pro Tag. Diese geringere Taktung schafft natürliche Puffer im Kalender. Das erklärt Phänomene wie in Niederösterreich, wo Termine oft schon für den "nächsten Tag" verfügbar sind.
Flexibler Ressourceneinsatz
Ohne die starren Vorgaben des Kassenvertrags können Wahlärzte ihre Ressourcen flexibler steuern. Ob Abendordinationen oder kurzfristige Einschübe für Akutfälle: Die Hoheit über die eigene Zeitplanung ermöglicht eine Agilität, die im hochfrequentierten Kassenbetrieb rein logistisch oft nicht darstellbar ist.
Fazit & Handlungsempfehlung: Was tun?
Die Analyse zeigt unmissverständlich: Wer in Österreich auf das System der gesetzlichen Krankenversicherung (ÖGK) vertraut, ist Teil eines starken Solidarsystems, das die Basisversorgung sichert. Die Realität zeigt aber auch: Wer im Akutfall schnell Hilfe braucht, stößt im öffentlichen Bereich oft an Kapazitätsgrenzen, die sich für Patienten in monatelangen Wartezeiten manifestieren.
"Wir sehen in den Daten keine Absage an das öffentliche System, sondern einen klaren Auftrag zur Eigenvorsorge. Wer Schmerzen hat, will nicht über Termine verhandeln, sondern Hilfe. Der Wahlarzt ist hier oft der einzige Hebel für eine schnelle Diagnose."
Die Lösung vieler Patienten ist der pragmatische Wechsel in das Wahlarzt-System, um Zeit gegen Gesundheit zu tauschen. Wie die Daten belegen, erkauft man sich dadurch – etwa in der Inneren Medizin – oft fast zwei Monate Lebenszeit ohne Ungewissheit.
Dieser Zugang ist jedoch mit Kosten verbunden. Eine private Krankenversicherung fungiert hier als finanzieller Schutzschirm, der Honorare auffängt und den Zugang zur "Fast Lane" der Medizin dauerhaft leistbar macht. Es ist eine Entscheidung für Planbarkeit in einem System, das zunehmend unplanbar wird.
Ausblick: Was kostet der Wahlarzt wirklich?
Schnelligkeit ist der eine Faktor, Leistbarkeit der andere. Wir arbeiten aktuell bereits an der nächsten großen Datenerhebung: Eine Analyse der realen Wahlarzthonorare in Österreich. Wir wollen transparent machen, was der "schnelle Termin" in Euro bedeutet und wie hoch der Selbstbehalt ohne Zusatzversicherung tatsächlich ausfällt. Die Ergebnisse folgen in Kürze.
Ist unabhängiger Experte für private Krankenversicherungen in Österreich. Unser Ziel ist es, durch umfassende Analysen und transparente Information Klarheit für Kund:innen zu schaffen – damit jeder die beste Entscheidung zur eigenen Absicherung treffen kann. Mehr zur Person finden Sie auf der Autorenseite.